Die moderne Selbstoptimierungs-Kultur suggeriert uns, dass Fortschritt eine glatte, ansteigende Kurve sei – ein ewiges „Höher, Schneller, Weiter“. Doch das ist ein Trugschluss. Wir müssen strikt zwischen Optimierung und Transformation unterscheiden. Optimierung findet innerhalb eines bestehenden Systems statt: Du polierst deine Fassade, wirst effizienter in toxischen Strukturen oder lernst, deine Erschöpfung besser zu verwalten. Es fühlt sich sicher an, weil die Grundregeln gleich bleiben. Transformation hingegen ist der Wechsel des Systems. Hier werden die Regeln selbst gelöscht. Es ist kein Upgrade deiner Software, sondern das Umschmelzen der Hardware. Das fühlt sich nicht nach Erfolg an, sondern nach dem Verlust jeglicher Bodenhaftung.
Echte Transformation erzwingt ein Vakuum. Wer sich wirklich wandelt, kann nicht nahtlos vom alten Ich ins neue gleiten. Es gibt eine Phase der „liminalen Leere“, in der die alten Bewältigungsstrategien (z. B. Perfektionismus oder Anpassung) nicht mehr greifen, die neuen aber noch nicht automatisiert sind. Neurobiologisch bedeutet das: Das Gehirn verliert seine Vorhersagekraft. In diesem Vakuum entsteht das Gefühl von Inkompetenz und Leere. Doch genau diese Leere ist funktional: Wäre sie nicht da, hättest du gar keinen Platz, um eine neue Identität aufzubauen. Das Vakuum ist kein Defekt, sondern der notwendige Raum für die Rekonstruktion.
Der entscheidende Shift in der Persönlichkeitsentwicklung liegt in der Umdeutung dieses Schmerzes: Von „Ich scheitere“ zu „Ich häute mich“. Während das Ego bei jeder Unsicherheit „Versagen!“ brüllt, weiß die tiefere psychologische Weisheit, dass die Häutung ein zutiefst verletzlicher, aber lebensnotwendiger Prozess ist. Wenn du dich im Chaos befindest, hast du die alte Ebene bereits verlassen – du bist nur noch nicht auf der neuen angekommen. Das Chaos ist somit der empirische Beweis für deine Wirksamkeit. Wer nicht zweifelt und nicht stolpert, optimiert nur das Bekannte. Wer sich verliert, ist dabei, sich neu zu finden.
Einladung zur Diskussion
Diese Perspektive stellt unser gesamtes Leistungsideal auf den Kopf. Das „Transformations-Chaos“ wird in unserer Gesellschaft oft pathologisiert oder als mangelnde Disziplin missverstanden.
Wo erlebst du diesen Konflikt am stärksten?
- In der Karriere, wenn eine Neuorientierung als „Lücke im Lebenslauf“ statt als notwendige Reorganisation gesehen wird?
- In der Therapie/Trauma-Arbeit, wenn das Zusammenbrechen alter Schutzmauern als Rückfall gedeutet wird?
- Oder in der Erziehung, wenn die Autonomiephase (Trotzphase) eines Kindes als Fehlverhalten statt als Systemwechsel begriffen wird?
