Glück ist kein
verlässlicher Maßstab.
In den letzten Wochen mache ich eine ungewohnte Erfahrung: Ich komme immer mehr in die Ruhe. Nicht in eine spektakuläre Erleuchtung, nicht in Dauerfreude, sondern in einen Zustand, in dem der innere Krieg leiser wird.
Lange Zeit dachte ich, genau darin müsse das Ziel liegen: glücklich sein.
Was zurückbleibt,
wenn Sätze wackeln.
Vielleicht kennst du solche Sätze:
Sie klingen erst einmal freiheitlich und stärkend. Doch sie unterstellen etwas Bestimmtes: Wenn ich nicht dauerhaft glücklich bin, stimmt etwas nicht.
Genau da werde ich vorsichtig. Denn ich glaube inzwischen: Glück ist ein Zustand, kein Kompass. Zustände kommen und gehen. Ein Kompass sollte in schwierigen Momenten Orientierung geben, nicht nur in leichten.
Nichts beweisen müssen –
und der Kopf erschrickt.
In den letzten Wochen habe ich weniger Impulse, mir noch etwas zu beweisen. Ich merke, wie viel Energie ich früher in Beweisführung gesteckt habe: Anstrengen, Pushen, Optimieren. Selbst meine Projekte – Musik, Website, Bücher – waren teilweise von dem Gefühl begleitet, etwas beweisen zu müssen.
Heute lasse ich vieles liegen und merke: Ich muss gerade nichts beweisen. Mein Kopf erschrickt darüber und denkt sofort:
Doch mein Körper erlebt gleichzeitig etwas anderes: Entlastung.
Nicht „Bin ich glücklich?“
Sondern: Bin ich da?
Ich glaube inzwischen, dass eine andere Frage wichtiger ist als „Bin ich glücklich?“ – zum Beispiel:
- Bin ich mit mir in Kontakt?
- Kann ich mich zeigen?
- Kann ich in Beziehung bleiben, ohne mich zu verlieren?
- Kann ich Nähe zulassen, ohne mich selbst zu verraten?
Diese Fragen sind ehrlicher, weil sie nicht davon abhängen, ob im Außen gerade alles rund läuft. Sie messen etwas anderes: Wie in Kontakt bin ich? Mit mir. Mit dem Menschen vor mir. Mit dem, was gerade wirklich ist.
Der Schlag ins Gesicht,
der keiner mehr war.
Kürzlich sollte ich für meine Firma eine neue Website gestalten. Ich hatte bereits einen fast fertigen Entwurf erstellt und den Chefs vorgestellt. Später wurde dennoch eine Agentur beauftragt, den Markenauftritt und die Website zu übernehmen.
Mein Kopf dachte sofort: „Das ist ein Schlag ins Gesicht.“ Interessant war die zweite Reaktion in mir:
Ich habe das Thema angesprochen und gesagt, dass es sich wenig wertschätzend anfühlt. Die Rückmeldung war freundlich – und ich darf nun sogar die Zusammenarbeit mit der Agentur begleiten.
Der entscheidende Punkt war jedoch nicht ihre Antwort. Der entscheidende Punkt war, dass mein Wert nicht mehr von ihrer Zustimmung abhing. Ich blieb bei mir. Nicht mehr jemanden zu brauchen, um vollständig zu sein – sondern vollständig genug zu sein, um das Leben teilen zu wollen.
Nicht mehr Feuerwerk.
Sondern Frieden.
Mein Maßstab verschiebt sich gerade. Nicht mehr:
Nicht mehr
Bin ich dauerhaft glücklich?
Bekomme ich genug Bestätigung?
Reagieren andere so, wie ich es mir wünsche?
Sondern
Bin ich mit mir verbunden?
Bin ich kontaktfähig?
Kann ich in Beziehung bleiben, ohne mich aufzugeben?
Kann ich mich ausdrücken, ohne mich beweisen zu müssen?
Vielleicht ist Glück dann nicht das Ziel, sondern manchmal einfach ein Gast, der vorbeikommt.
Vielleicht war Glück nie das Ziel.
Nicht als Feuerwerk, sondern als der Moment,
in dem der innere Krieg endet.
Und man sich selbst wieder glauben kann.
BLEIB IN VERBINDUNG
