Beziehung · Kontakt

Vielleicht musst du nicht
den richtigen Menschen finden.

Vielleicht ist eine der hartnäckigsten Ideen über Beziehung die Vorstellung, dass wir nur den richtigen Menschen finden müssen – den, bei dem es endlich leicht wird.

Vielleicht ist eine der hartnäckigsten Ideen über Beziehung die Vorstellung, dass wir nur den richtigen Menschen finden müssen.

Den Menschen, bei dem es endlich leicht wird.

Bei dem wir uns sicher fühlen. Bei dem die Anziehung stimmt. Die Kommunikation. Die Sexualität. Die Nähe. Die Zukunftsvorstellungen. Einen Menschen, bei dem wir möglichst früh erkennen können: Das könnte funktionieren.

Also suchen wir.

Wir beobachten. Wir vergleichen. Wir prüfen.

Ist sie mein Typ? Passt ihr Leben zu meinem? Ist sie emotional verfügbar? Kann ich mir mit ihr eine Beziehung vorstellen? Gibt es genügend Anziehung? Gibt es Warnzeichen? Könnte das kompliziert werden?

All diese Fragen sind verständlich. Partnerwahl braucht Selektion. Wir können und müssen nicht mit jedem Menschen eine Beziehung beginnen.

Aber vielleicht gibt es einen Punkt, an dem aus sinnvoller Auswahl etwas anderes wird.

Wir versuchen vorherzusagen, was mit einem Menschen entstehen könnte, bevor wir überhaupt ausreichend Erfahrungen mit ihm gemacht haben.

Und genau das können wir nur sehr begrenzt.

Kapitel 1

Beziehung lässt sich nicht vollständig allein lernen

Wir können viel über uns lernen, während wir allein sind.

Wir können unsere Muster erkennen. Unser Nervensystem regulieren. Grenzen setzen lernen. Unsere Bedürfnisse verstehen. Wir können lernen, allein zu sein, ohne uns automatisch verlassen zu fühlen.

Das alles ist wertvoll.

Aber irgendwann erreicht diese Arbeit eine Grenze.

Denn Beziehung ist keine Fähigkeit, die ausschließlich in einem Menschen entsteht.

Es gibt Erfahrungen, die wir nur mit einem anderen Menschen machen können.

Jemand gefällt mir – und ich weiß nicht, ob ich ihm gefalle.

Ich möchte Nähe – und der andere möchte gerade Abstand.

Ich sage Nein – und der andere bleibt trotzdem freundlich.

Der andere sagt Nein – und meine Welt bricht nicht zusammen.

Wir fühlen uns zueinander hingezogen und merken später, dass wir sexuell nicht zusammenpassen.

Ich werde unsicher und verschwinde nicht.

Du wirst unsicher und ich muss dich nicht retten.

Wir geraten in einen Konflikt und stellen fest, dass wir danach wieder miteinander sprechen können.

Ich zeige mich – und weiß nicht, was du daraus machen wirst.

Das sind keine theoretischen Erkenntnisse.

Das sind Beziehungserfahrungen.

Und vielleicht verändert sich ein Nervensystem gerade durch solche Erfahrungen.

Nicht indem es lernt:

Beziehung ist immer sicher.

Sondern:

Ich kann Beziehung erleben, ohne mich darin zu verlieren.

Kapitel 2

Vielleicht brauchen wir nicht nur gute Erfahrungen

Oft heißt es, wir müssten „positive Beziehungserfahrungen“ machen.

Aber vielleicht ist selbst das zu eng.

Denn Leben besteht nicht nur aus Erfahrungen, die sich gut anfühlen.

Eine neue Erfahrung kann auch sein:

Ich will dich – und du willst mich nicht.

Und ich bleibe trotzdem bei mir.

Oder:

Wir mögen uns sehr, aber etwas zwischen uns funktioniert nicht.

Und keiner von uns muss deshalb falsch sein.

Oder:

Ich bin unsicher.

Und ich muss diese Unsicherheit nicht sofort beseitigen.

Oder:

Es wird körperlich. Es wird emotional. Es wird kompliziert.

Und wir können darüber sprechen.

Vielleicht braucht unser System nicht ständig den Beweis, dass Beziehung angenehm ist.

Vielleicht braucht es die Erfahrung, dass wir in Beziehung beweglich bleiben können.

Kapitel 3

Das Problem mit dem „richtigen Menschen“

Wenn wir wenig gute oder tragfähige Beziehungserfahrungen gemacht haben, entsteht ein merkwürdiges Paradox.

Mit genau diesen bisherigen Erfahrungen sollen wir erkennen, welcher Mensch uns eine vollkommen neue Beziehungserfahrung ermöglichen könnte.

Aber wonach wählen wir?

Nach dem, was sich vertraut anfühlt.

Nach dem, was wir attraktiv finden.

Nach dem, was unser Körper kennt.

Nach unseren bisherigen Vorstellungen von Liebe.

Nach unseren bisherigen Vorstellungen von Sicherheit.

Das bedeutet nicht, dass unsere Wahrnehmung falsch ist.

Aber sie ist geprägt.

Und deshalb ist Vertrautheit nicht automatisch Tragfähigkeit.

Ein Mensch kann sich sofort unglaublich vertraut anfühlen und trotzdem alte Muster aktivieren.

Ein anderer Mensch kann sich zunächst ungewohnt anfühlen und trotzdem eine Begegnung ermöglichen, die wir bisher noch gar nicht kennen.

Das heißt nicht:

Nimm jeden Menschen.

Ignoriere deine Anziehung.

Übergehe deine Grenzen.

Gib jedem eine Chance.

Es heißt nur:

Vielleicht kann ich noch nicht am Anfang wissen, was mit einem Menschen möglich sein wird.

Kapitel 4

Kontakt vor Bedeutung

Vielleicht haben wir deshalb die Reihenfolge verwechselt.

Wir wollen zuerst wissen:

Was könnte daraus werden?

Und danach entscheiden wir, ob wir Kontakt zulassen.

Vielleicht funktioniert menschliche Begegnung aber häufig andersherum:

Kontakt.
Erfahrung.
Veränderung.
Neuer Kontakt.
Neue Erfahrung.

Ein Gespräch darf zunächst ein Gespräch sein.

Ein Kaffee darf ein Kaffee sein.

Ein Flirt darf ein Flirt sein.

Anziehung darf wachsen.

Anziehung darf verschwinden.

Ein Mensch darf interessant sein, ohne sofort Beziehungsmaterial sein zu müssen.

Und eine Begegnung darf bedeutsam werden, obwohl wir am Anfang überhaupt nicht erkennen konnten, welche Bedeutung sie einmal bekommen würde.

Vielleicht lautet die Einladung deshalb:

Begegne Menschen, bevor du weißt, welche Bedeutung sie für dein Leben haben werden.

Kapitel 5

Menschen sind keine Chancen

Dabei gibt es eine wichtige Grenze.

Es geht nicht darum, möglichst viele Menschen kennenzulernen, damit irgendwann der Richtige dabei ist.

Menschen sind keine Übungsfelder.

Keine Chancen.

Keine Stationen auf dem Weg zur perfekten Partnerschaft.

Ein anderer Mensch existiert nicht, damit mein Nervensystem etwas lernen kann.

Aber jede wirkliche Begegnung verändert uns möglicherweise trotzdem.

Manchmal entsteht Freundschaft.

Manchmal Sexualität.

Manchmal Liebe.

Manchmal Enttäuschung.

Manchmal ein Abend, an den wir uns Jahre später noch erinnern.

Und manchmal passiert scheinbar überhaupt nichts.

Wir können vorher nicht wissen, welche Begegnung welche Bedeutung bekommen wird.

Kapitel 6

Das vermeintliche Nein

Vielleicht liegt hier noch ein weiteres Problem.

Wenn uns nur wenige Menschen wirklich interessieren, bekommt eine Begegnung schnell große Bedeutung.

Und wenn die Resonanz dann nicht eindeutig ist, entsteht Unsicherheit.

Sie antwortet später.

Sie hat an diesem Wochenende keine Zeit.

Sie wirkt interessiert, meldet sich aber nicht von selbst.

Sie möchte mich sehen, weiß aber gerade nicht, was sie will.

Und unser Kopf macht daraus:

Nein.

Das war’s.

Kein Interesse.

Weiter.

Ein klares Nein ist ein Nein.

Eine Grenze ist eine Grenze.

Aber nicht jedes fehlende Ja ist bereits ein Nein.

Manchmal beenden wir einen möglichen Kontakt selbst, weil wir die Offenheit nicht aushalten.

Ein falsches Ende kann sich sicherer anfühlen als eine offene Möglichkeit.

Dann nennen wir unseren Rückzug vielleicht sogar Grenzachtung, obwohl wir in Wirklichkeit nur die Ungewissheit beenden wollten.

Dranbleiben bedeutet dabei nicht, jemanden zu überzeugen.

Nicht nachsetzen.

Nicht Grenzen verschieben.

Nicht aus einem Nein ein Ja machen.

Es bedeutet lediglich:

Kein Nein erfinden, wo noch keines ausgesprochen wurde.

Kapitel 7

Vielleicht suchen wir nach Erlösung

Hinter der Idee vom richtigen Menschen steckt möglicherweise noch etwas anderes.

Wenn endlich der richtige Mensch kommt, dann hört etwas auf.

Die Suche.

Die Einsamkeit.

Die sexuelle Unsicherheit.

Die Konkurrenz.

Die Angst, niemanden mehr kennenzulernen.

Die Frage, ob wir irgendwann eine Beziehung haben werden.

Vielleicht soll der richtige Mensch nicht nur unser Partner werden.

Vielleicht soll er uns von der Unsicherheit menschlicher Beziehung erlösen.

Dann bekommt Partnersuche etwas beinahe Religiöses.

Irgendwo da draußen muss dieser Mensch existieren.

Und wenn wir ihn gefunden haben, wird endlich Ruhe sein.

Aber vielleicht kann kein Mensch diese Aufgabe erfüllen.

Vielleicht besteht Beziehung gerade darin, dass zwei Menschen einander begegnen, obwohl keiner weiß, was daraus werden wird.

Dann verändert sich etwas.

Ich darf jemanden wollen, ohne dass dieser Mensch meine Unsicherheit beenden muss.

Ich darf hoffen, ohne einen Ausgang zu verlangen.

Ich darf mich verlieben, ohne daraus einen Anspruch auf Zukunft zu machen.

Ich darf enttäuscht werden, ohne daraus abzuleiten, dass Beziehung für mich nicht funktioniert.

Kapitel 8

Tragfähigkeit kann man nicht auswählen

Wir können vieles auswählen.

Wen wir ansprechen.

Mit wem wir uns treffen.

Wen wir attraktiv finden.

Welche Werte uns wichtig sind.

Welche Lebensentwürfe für uns nicht infrage kommen.

Welche Grenzen wir haben.

Aber eine Sache können wir nicht vollständig auswählen:

Was zwischen zwei Menschen entsteht.

Tragfähigkeit steht auf keinem Profil.

Sie lässt sich nicht aus einem Foto erkennen.

Nicht aus einem Bindungstyp.

Nicht aus einem ersten Gespräch.

Nicht aus einer Liste gemeinsamer Interessen.

Sie zeigt sich.

Wenn einer Nein sagt.

Wenn einer Angst bekommt.

Wenn Sexualität nicht so funktioniert wie erwartet.

Wenn Alltag entsteht.

Wenn einer Raum braucht.

Wenn Nähe plötzlich wirklich möglich wird.

Wenn wir einander enttäuschen.

Wenn wir uns wiederfinden.

Vielleicht suchen wir deshalb manchmal nach etwas, das man gar nicht finden kann.

Man findet nicht „Tragfähigkeit“.

Man findet einen Menschen.

Und dann beginnt etwas zwischen zwei Menschen zu geschehen.

Vielleicht trägt es.

Vielleicht trägt es nicht.

Vielleicht trägt es eine Weile.

Vielleicht verändert es beide und endet trotzdem.

Kapitel 9

Das andere Herz

Vielleicht ist genau das die Schwierigkeit.

Wir möchten wissen, wer der andere für unser Leben sein wird, bevor wir ihm erlauben, wirklich ein anderer Mensch zu sein.

Wir sehen Attraktivität.

Alter.

Körper.

Lebensstil.

Beruf.

Bindungsmuster.

Vergangenheit.

Mögliche Probleme.

Zukunftsfähigkeit.

Wir fragen:

Ist das geeignetes Partnermaterial?

Und vielleicht verlieren wir dabei etwas Entscheidendes aus den Augen.

Den Menschen.

Das andere Herz.

Ich habe lange geglaubt, ich müsste die richtige Frau finden.

Vielleicht war ich deshalb so sehr mit Auswahl beschäftigt, dass ich manche Menschen kaum wirklich gesehen habe.

Ich sah Möglichkeiten und Ausschlusskriterien.

Passung und Gefahr.

Zukunft und Vergangenheit.

Und vielleicht übersah ich dabei etwas sehr Einfaches:

Da steht ein Mensch vor mir.

Ich weiß noch nicht, wer sie für mich sein wird.

Vielleicht niemand.

Vielleicht eine Freundin.

Vielleicht eine Geliebte.

Vielleicht die Frau, mit der ich viele Jahre meines Lebens verbringe.

Vielleicht ein Mensch, mit dem ich einen einzigen besonderen Abend teile.

Ich weiß es nicht.

Und vielleicht muss ich es nicht wissen.

Vielleicht besteht die nächste Bewegung nicht darin, noch besser auszuwählen.

Vielleicht besteht sie darin, wieder zu begegnen.

Nicht grenzenlos.

Nicht wahllos.

Nicht naiv.

Aber offen genug, dass ein anderer Mensch die Möglichkeit bekommt, etwas anderes zu sein als das, was ich bereits über ihn entschieden habe.

Das andere Herz kann ich nicht auswählen wie ein Produkt.
Ich muss ihm begegnen.

Und vielleicht findet man Tragfähigkeit deshalb nicht.

Man findet einen Menschen.
Ob etwas trägt, erfährt man erst miteinander.

Vielleicht müssen wir nicht den richtigen Menschen finden.

Vielleicht dürfen wir uns von einem anderen Menschen
tragen lernen.

Und dabei entdecken, wer wir dann werden.

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