Der Heiland hat nur
seinen Namen geändert.
Lange dachte ich, ich hätte einfach keine Lust mehr auf diese ganzen Konzepte. Aber inzwischen glaube ich, dass etwas anderes dahinterliegt.
Ich kenne das Muster.
Ich bin kirchlich aufgewachsen. Und die Geschichte war im Grunde einfach:
Mit dir stimmt etwas nicht.
Du bist ein Sünder.
Du bist schuldig.
Aber es gibt Hoffnung.
Denn irgendwann kommt der Heiland.
Und dann wird alles gut.
Erst die Schuld.
Dann die Erlösung.
Was für ein bemerkenswertes Konzept: Zuerst wird ein Problem erzeugt, das ich aus eigener Kraft kaum lösen kann. Ich bin schuldig. Nicht unbedingt, weil ich konkret etwas getan habe, sondern weil mit dem Menschen grundsätzlich etwas nicht stimmt. Er braucht Vergebung. Erlösung. Rettung.
Und gleichzeitig wird die Lösung mitgeliefert: Der Heiland. Wenn du glaubst, wenn du dich unterordnest, wenn du das richtige Verhalten zeigst, wirst du gerettet.
Ich verließ die Kirche –
aber nicht das Muster.
Irgendwann bin ich aus der Kirche ausgetreten. Das fühlte sich lange wie ein Befreiungsakt an. Ich dachte, ich hätte diese Denkweise damit hinter mir gelassen.
Rückblickend war das nur die halbe Wahrheit. Die Struktur blieb. Nur die Bühne wechselte.
Der Heiland bekam
nur neue Namen.
Statt „Du bist Sünder“ heißt es heute:
- Mein Karma ist noch nicht aufgelöst.
- Meine Glaubenssätze blockieren mich.
- Ich manifestiere falsch.
- Ich lebe mein Human Design noch nicht korrekt.
- Mein inneres Kind braucht noch Heilung.
- Meine Frequenz ist zu niedrig.
Irgendetwas fehlt immer. Und irgendwo steht jemand, der mir erklären kann, was es ist.
Natürlich können all diese Modelle interessante Perspektiven liefern. Ein guter Lehrer kann mir etwas zeigen, was ich bisher nicht gesehen habe. Ein Therapeut kann Zusammenhänge erkennen. Ein Coach kann Fragen stellen, auf die ich selbst nicht gekommen wäre. Das Problem beginnt für mich an einer anderen Stelle:
Vielleicht brauche ich
gar keine Erlösung.
Und damit komme ich an einen Punkt, der für mich wesentlich radikaler ist als irgendeine neue spirituelle Deutung:
- Was, wenn ich nicht erst meine Frequenz erhöhen muss?
- Was, wenn ich nicht noch zehn Blockaden finden muss?
- Was, wenn ich nicht auf den großen Bewusstseinssprung warten muss?
- Was, wenn kein Politiker, kein Guru, kein Coach und kein kosmisches Ereignis mein Leben retten wird?
Dann verschwindet etwas, das mich sehr lange begleitet hat: das große Irgendwann.
Irgendwann wird alles gut.
Irgendwann bin ich angekommen.
Irgendwann habe ich genug verstanden.
Irgendwann bin ich geheilt.
Irgendwann beginnt mein eigentliches Leben.
Hoffnung kann eine
Vertagung des Lebens sein.
Hoffnung gilt beinahe automatisch als etwas Positives. Und natürlich kann Hoffnung Menschen durch schwere Situationen tragen. Aber Hoffnung hat noch eine andere Seite: Sie kann mich davon abhalten zu erkennen, dass mein Leben jetzt stattfindet.
Wenn ich zwanzig Jahre darauf warte, irgendwann anzukommen, habe ich zwanzig Jahre im Wartezimmer verbracht.
Ohne den Heiland – ohne den nächsten Coach, ohne die nächste Methode, ohne den Bewusstseinssprung – bleibt etwas erstaunlich Einfaches übrig:
Dieser Tag.
Dieser Körper.
Diese Menschen.
Meine Möglichkeiten. Meine Entscheidungen.
Meine Freude. Meine Traurigkeit.
Meine Fehler. Meine Neugier.
Mein Leben.
Ich darf lernen, ohne mich für mangelhaft zu halten. Ich darf mich verändern, ohne mich vorher für falsch erklären zu müssen. Ich darf Wissen anderer nutzen, ohne ihnen die Autorität über meine Wirklichkeit zu geben.
Dafür brauche ich keinen neuen Glauben.
Vielleicht brauche ich nicht einmal Hoffnung.
Leben sagt: Jetzt.
Vielleicht besteht Freiheit nicht darin,
endlich den richtigen Heiland zu finden.
Vielleicht beginnt sie dort,
wo ich keinen mehr brauche.
BLEIB IN VERBINDUNG
