Vielleicht sehne ich mich
nicht nach ihr.
Ein Jahr nach dem Zusammenbruch passiert etwas Merkwürdiges. Je mehr Ruhe in mein Leben kommt, je mehr ich in meiner Kraft ankomme, desto häufiger taucht meine Ex-Partnerin innerlich wieder auf.
Früher hätte mich das erschreckt. Ich hätte sofort analysiert, ob ich rückfällig werde, ob ich loslassen kann, ob noch Bindung da ist.
Diesmal ist es anders.
Ich sehe ein Bild von ihr auf Instagram und mein Körper reagiert mit einem Lächeln. Wärme. Weichheit.
Nicht die Frau. Sondern der Zustand.
Denn mein Kopf sucht sofort nach einer Erklärung. Und findet: Es geht wahrscheinlich nicht um sie. Nicht mehr um die konkrete Beziehung. Nicht um Rückeroberung.
Es geht um den Zustand, den ich mit ihr erlebt habe: Nähe. Gesehenwerden. Berührung. Gemeinsame Morgen. Das Gefühl, nicht allein zu sein.
Ein Lied erinnert einen Sommer, ein Geruch erinnert Kindheit, ein Mensch erinnert ein Gefühl von Lebendigkeit. Das bedeutet nicht automatisch, dass man in die Vergangenheit zurückmuss.
Der fehlende Kampf.
Was mich am meisten bewegt, ist nicht die Erinnerung selbst, sondern der fehlende Kampf. Früher war ihre Präsenz in mir mit Schmerz verbunden. Jetzt scheint etwas still geworden zu sein.
Dieser Satz erschreckt mich fast. Denn er zeigt, wie eng in mir Liebe und Verlust bisher zusammenlagen. Ohne das eine kein anderes.
Nicht Rückkehr zu ihr.
Rückkehr der Beziehungsfähigkeit.
Ich möchte mich nicht verlieren. Ich möchte niemanden festhalten. Gleichzeitig spüre ich, dass Beziehung wieder möglich erscheint.
Nicht klüger. Nur weniger wegerklärend.
Während ich diese Zeilen schreibe, merke ich, dass das Buch nicht nur ein Projekt ist. Es ist ein Spiegel. Ich entdecke beim Schreiben Seiten von mir, die ich vorher nicht sehen konnte. Nicht weil ich plötzlich klüger wäre, sondern weil ich aufhöre, bestimmte Gefühle sofort wegzuerklären.
Vielleicht ist dieses Kapitel deshalb weniger eine Antwort als eine Beobachtung:
Ich sitze hier, ein Jahr nach meinem Zusammenbruch, und stelle fest, dass mein Herz nicht mehr kämpft, wenn es an eine vergangene Liebe denkt.
Wenn ich all das auf einen einzigen Satz verdichten müsste, wäre es dieser:
Vielleicht sehne ich mich nach der
Fähigkeit, wieder ohne Angst zu lieben.
Und vielleicht ist das der ehrlichste Anfang.
BLEIB IN VERBINDUNG
