Ich wollte
nicht weg.
Am Wochenende ist etwas scheinbar Unspektakuläres passiert. Ich war bei meiner Mutter zu Besuch. Früher war nach einer halben Stunde oft schon innerlich Schluss. Ich wurde unruhig, wollte weiter, hatte das Gefühl, wieder loszumüssen.
Diesmal schaute ich irgendwann auf die Uhr und erschrak: Fast zwei Stunden.
Dieser Moment beschäftigt mich seitdem mehr als viele Bücher, Podcasts oder Therapiesitzungen. Denn plötzlich wurde mir klar, dass ich einen großen Teil meines Lebens innerlich auf der Flucht war. Nicht unbedingt äußerlich – ich war da. Aber innerlich immer schon halb woanders.
Ein Satz –
und plötzlich Boden.
Vor einigen Tagen fiel in mir plötzlich ein Satz auf, der mich tief berührte:
Als ich das zum ersten Mal wirklich spürte, verstand ich, warum mich der Besuch bei meiner Mutter so überrascht hatte. Mein Nervensystem machte eine neue Erfahrung: Kontakt erschöpft mich gerade nicht. Ich muss nicht fliehen. Ich darf bleiben.
Früher fühlte ich mich frei,
wenn ich allein war.
Wenn ich die Tür hinter mir schließen konnte. Wenn niemand etwas von mir wollte. Nähe fühlte sich schnell nach Verlust an – nach dem Verschwinden meiner selbst.
Doch diese Freiheit war teuer. Sie war oft Rückzug, verkleidet als Autonomie. Ich blieb bei mir, ja. Aber ich blieb auch allein. Und der Preis dafür wurde in den letzten Jahren immer spürbarer.
Alte Freiheit
Tür zu, niemand will was.
Rückzug als Selbstschutz.
Ich bleibe – allein.
Neue Freiheit
Ich bleibe, weil ich es kann.
Kein Fluchtimpuls, kein Muss.
Nähe ohne Selbstverlust.
Nicht weniger Nähe.
Weniger Panik.
In den letzten Monaten habe ich viel über Autonomie nachgedacht. Manchmal hatte ich Angst, vom Verschmelzungstyp zum reinen Rückzugsmenschen geworden zu sein. Doch diese Erfahrung zeigt mir etwas anderes.
Mein Wunsch nach Nähe ist nicht verschwunden. Er wird nur weniger panisch. Weniger jagend. Weniger existenziell.
Zwei Menschen –
und keiner verschwindet.
Vielleicht beginnt reife Beziehung genau dort, wo zwei Menschen sagen können:
Nach vielen Jahren, in denen ich Beziehung entweder als Verschmelzung oder als Verlust erlebt habe, klingt das wie eine Selbstverständlichkeit. Und fühlt sich gleichzeitig fast revolutionär an.
Wenn ich die letzten Tage in einen einzigen Satz fassen müsste, wäre es dieser:
um frei zu sein.
Nicht weil plötzlich alles gelöst wäre. Sondern weil mein Nervensystem zum ersten Mal ahnt, dass Nähe heute nicht mehr dieselbe Gefahr sein muss wie damals.
Vielleicht beginnt genau dort ein neues Kapitel: nicht das Ende meines Ichs, sondern die Möglichkeit eines Wir, in dem niemand verschwinden muss.
BLEIB IN VERBINDUNG
