Lieber eine unangenehme Wirklichkeit als Leere
Was mir wesentlich schwerer fällt, ist:
nichts.
Keine Antwort.
Keine Information.
Keine klare Aussage.
Distanz, ohne zu wissen, was diese Distanz bedeutet.
Denn dort passiert etwas Interessantes.
Wenn das andere Herz nicht spricht, beginnt irgendwann mein Kopf für es zu sprechen.
Und dann entsteht sie:
Die innere blöde Kuh
Ich mag diesen Begriff.
Weil wir Beziehung manchmal so ehrfürchtig analysieren, dass wir vergessen, wie absurd unser Kopf werden kann.
Da gibt es einen wirklichen Menschen.
Dann entsteht Distanz.
Ich weiß nicht, was in diesem Menschen geschieht.
Und nach ein paar Tagen weiß mein Kopf plötzlich erstaunlich genau:
Sie interessiert sich nicht wirklich.
Sie zieht sich wieder zurück.
Wenn ich ihr wichtig wäre, würde sie sich melden.
Bestimmt denkt sie …
Wahrscheinlich will sie …
Typisch.
Herzlichen Glückwunsch.
Das andere Herz ist verschwunden.
Und auf seinem Platz sitzt eine von mir geschriebene Figur, die erstaunlich detailliert über die Motive eines Menschen Bescheid weiß, mit dem ich gerade überhaupt keinen Kontakt habe.
Die innere blöde Kuh.
Je weniger ich weiß, desto mehr weiß mein Kopf
Das ist eigentlich verrückt.
Im direkten Kontakt kann ich fragen:
„Wie geht es dir damit?“
„Was möchtest du?“
„Warum hast du dich zurückgezogen?“
Und die Antwort könnte lauten:
Ich weiß es selbst nicht.
Im Kopf dagegen herrscht erstaunliche Klarheit.
Dort gibt es Erklärungen.
Motive.
Absichten.
Diagnosen.
Bindungstypen.
Traumareaktionen.
Und irgendwann eine vollständige Geschichte darüber, was im anderen Menschen vorgeht.
Nur eines fehlt:
der andere Mensch.
Distanz ist nicht das Gegenteil von Kontakt
Das wurde mir durch einen ganz einfachen Satz noch klarer:
„Ich hab dich lieb, aber jetzt hab ich keine Zeit.“
Eigentlich unspektakulär.
Und gleichzeitig steckt darin für mich unglaublich viel Beziehung.
Ich hab dich lieb.
Verbindung.
Ich habe jetzt keine Zeit.
Grenze.
Beides darf gleichzeitig existieren.
Niemand muss sich aufgeben.
Der eine muss seine Grenze nicht runterschlucken, um Verbindung zu erhalten.
Und der andere muss aus der Grenze nicht automatisch Ablehnung machen.
Das ist Distanz im Kontakt.
Vielleicht ist deshalb gar nicht Distanz das Problem.
Vielleicht macht es einen entscheidenden Unterschied, wie Distanz entsteht.
Wenn du Abstand brauchst, bleib mit mir darüber in Kontakt
Dieser Satz gefällt mir.
Nicht:
Du darfst keinen Abstand brauchen.
Auch nicht:
Wenn ich wirklich reguliert wäre, müsste mir dein Abstand vollkommen egal sein.
Sondern:
Wenn du Abstand brauchst, bleib mit mir darüber in Kontakt.
„Ich brauche heute meine Ruhe.“
Kontakt.
„Ich möchte dieses Wochenende alleine verbringen.“
Kontakt.
„Mir ist das gerade zu viel.“
Kontakt.
„Ich möchte dich momentan nicht sehen.“
Auch Kontakt.
Vielleicht unangenehmer Kontakt.
Aber Wirklichkeit.
Und mit Wirklichkeit kann ich etwas anfangen.
Lieber Wut als Leere
Wenn jemand zu mir sagt:
„Ich empfinde nicht dasselbe wie du.“
kann mich das traurig machen.
Wenn jemand sagt:
„Ich will dich gerade nicht sehen.“
kann mich das wütend machen.
Wenn jemand sagt:
„Ich brauche viel mehr Abstand als du.“
kann ich feststellen:
Das gefällt mir überhaupt nicht.
Aber jetzt gibt es etwas, worauf ich mich beziehen kann.
Ich kann fühlen.
Ich kann widersprechen.
Ich kann nachfragen.
Ich kann eine Grenze ziehen.
Ich kann gehen.
Ich kann bleiben.
Ich kann entscheiden.
Deshalb:
Lieber Wut als Leere.
Nicht weil Wut besser wäre.
Sondern weil eine unangenehme Wirklichkeit für mich oft leichter zu tragen ist als eine Leerstelle, die mein Kopf anschließend mit Geschichten füllt.
Das andere Herz darf mir etwas sagen, das ich nicht hören möchte
Das ist vielleicht der Preis von Kontakt.
Wenn ich wirklich frage, verliere ich die Kontrolle über die Antwort.
Der andere könnte sagen:
Nein.
Er könnte meine gemeinsame Vergangenheit vollkommen anders erlebt haben.
Er könnte mir sagen, dass ich ihm weniger bedeute, als ich gehofft hatte.
Oder mehr.
Er könnte Bedürfnisse haben, die überhaupt nicht zu meinen passen.
Und plötzlich stehe ich nicht mehr meiner Projektion gegenüber.
Da steht ein Mensch.
Du.
Das kann wesentlich unbequemer sein.
Aber es ist wahrer.
Meine Erfahrung ist nicht die Wahrheit über dich
Auch das gehört dazu.
Ich kann sagen:
„Ich habe mich von dir im Stich gelassen gefühlt.“
Das ist meine Erfahrung.
Etwas anderes ist:
„Du hast mich im Stich gelassen, weil du keine Nähe aushalten kannst.“
Jetzt erzähle ich bereits deine Geschichte.
Vielleicht stimmt sie.
Vielleicht nicht.
Ich weiß es erst, wenn das andere Herz spricht.
Und selbst dann können zwei Wahrheiten nebeneinanderstehen:
So habe ich es erlebt.
Und:
So habe ich es erlebt.
Keiner muss verschwinden.
Kontakt ist nicht Harmonie
Vielleicht habe ich Kontakt lange zu sehr mit Nähe verbunden.
Dabei kann ein klares Nein mehr Kontakt enthalten als ein freundliches Schweigen.
Eine Grenze kann Kontakt sein.
Wut kann Kontakt sein.
Ein Konflikt kann Kontakt sein.
Distanz kann Kontakt sein.
Entscheidend ist möglicherweise etwas anderes:
Zeigst du dich mir?
Denn erst dann kann ich dir begegnen.
Sonst begegne ich irgendwann nur noch meinen Vorstellungen.
Und wenn nichts kommt?
Dann bleibt eine unbequeme Wahrheit:
Ich kann einen anderen Menschen nicht zum Kontakt zwingen.
Auch Schweigen ist etwas, mit dem ich irgendwann umgehen muss.
Aber vielleicht muss ich daraus keine Geschichte mehr über den anderen bauen.
Ich kann schlicht feststellen:
Hier findet gerade kein Kontakt statt.
Und auch das ist Information.
Dann muss ich nicht herausfinden, warum.
Ich darf stattdessen fragen:
Möchte ich eine Beziehung, die so aussieht?
Das ist wieder meine Seite.
Meine Wahl.
Meine Grenze.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem innere Arbeit und wirkliche Beziehung sich treffen:
Regulation soll mich nicht unabhängig von der Wirklichkeit machen. Sie soll mich fähiger machen, ihr zu begegnen.
Und Kontakt bedeutet für mich immer weniger:
Sag mir etwas, das mich beruhigt.
Sondern:
Sag mir, was wahr für dich ist. Ich könnte traurig werden. Ich könnte wütend werden. Ich könnte anderer Meinung sein. Vielleicht gehe ich danach sogar. Aber dann begegne ich wenigstens dir. Und nicht der inneren blöden Kuh, die mein Kopf aus deinem Schweigen gebaut hat.
BLEIB IN VERBINDUNG
